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Walzenkrug mit Reiherbeize

Dr. Patricia Brattig

Fayencemanufaktur Ansbach, „Grüne Familie“, um 1735/40
Fayence (Irdenware mit Zinnglasur und Aufglasurmalerei)
H mit Fußring 22,5 cm; H gesamt 28 cm; Dmax 11,7 cm
Schenkung Dr. Wilhelm Clemens, München
Inv. Nr. E 2721 

 

Der leicht konische Gefäßkörper ist zum Schutze des stoßempfindlichen Materials mit einem hohen, profilierten Fußring mit geschlossener Bodenplatte sowie einer profilierten Lippeneinfassung mit gezahntem Fries – beides aus Zinn – montiert. Der gewölbt ansteigende, oben abgeflachte Klappdeckel mit kugeligem, in der Mitte gewulstetem Deckeldrücker mit Pfeifenornament ist mittels einer Henkelmanschette mit dem innen leicht gekehlten Bandhenkel fest mit dem Gefäß verbunden. Eine abgegossene Medaille mit der Darstellung einer Dame mit Liebhaber, der ihren greisen Ehemann zur Seite schiebt, ist in der Deckelmitte eingelassen. Die Umschrift lautet: „ICH W?RME BALD, DER ALT IST KALD.“

Die Vorderseite des Kruges ziert die Darstellung eines nach rechts reitenden Falkners in vierpassiger Rahmung. Links steht ein großer Laubbaum, rechts im Hintergrund befindet sich ein Dorf mit Windmühle und rauchendem Schornstein; auf dem zum Dorf führenden Weg geht ein Wandersmann. Im Himmel fliegt ein Reiher nach rechts. Der sich nach unten verjüngende Henkelrücken ist mit polychromen Blumen- und Blattgehängen bemalt.

Die Reiherbeize gehörte zu der höchsten Form der Falkenjagd und war allein dem Adel vorbehalten. Sie fand im Mai oder Juni bei der Rückkehr der Reiher aus ihren Winterquartieren statt. Die für den Falken nicht ganz ungefährliche Jagd bot der Jagdgesellschaft das spannende Schauspiel des Luftkampfes zwischen den Vögeln, wobei der Reiher nicht getötet, sondern nur zu Boden gezwungen werden sollte. Als Trophäe dienten die ausgerupften Kopffedern; außerdem wurde der Vogel beringt. Auf dem Ring stand der Name des Falkners; bisweilen kam es vor, dass ein Reiher mehrfach erjagt und entsprechend beringt war, wobei sich die Namen der erfolgreichen Falkner – zur Freude der versammelten Jagdgesellschaft – sogar wiederholen konnten. Zu den bedeutendsten Liebhabern der Beizjagd gehörte der Markgraf Carl Wilhelm Friedrich von Brandenburg-Ansbach (1712-1757), auch der „Wilde Markgraf“ genannt, der von 1730 bis 1757 insgesamt 37.238 Tiere beizte. Der Leidenschaft des Ansbacher Markgrafen verdanken wir auch eine Reihe von Ansbacher Fayencen mit Szenen aus der von ihm so geliebten Beizjagd.

Der Gründer der Ansbacher Fayencemanufaktur war Markgraf Wilhelm Friedrich von Brandenburg-Ansbach (1686-1723). Sein Bestreben nach einer modernen, dem Zeitgeschmack entsprechenden und repräsentativ ausgestatteten Residenz wurde von seiner Gattin Christiane Charlotte (1694-1729), Tochter des Herzogs Friedrich Carl von Württemberg-Winnental (1652-1698) maßgeblich unterstützt. Die Markgräfin kam in den Genuss einer hervorragenden, französisch geprägten Ausbildung, war begabt und kunstsinnig. Zu dem Glanze eines Fürstenhofes gehörte selbstverständlich prächtiges Geschirr sowohl für die Verzierung der Prunkräume als auch für die markgräfliche Tafel. Der Aufbau und Betrieb einer eigenen Fayencemanufaktur entsprach nicht nur den Grundsätzen des Merkantilismus, sondern diente vor allem der Deckung des eigenen höfischen Bedarfs an Tafelgeschirr, Prunk- und Ziergegenständen.

Die Manufaktur wurde oberhalb der Residenzstadt in der städtischen Walk- und ehemaligen markgräflichen Pulvermühle am Mühlbach eingerichtet. Zu diesem Zweck musste die Anlage wieder von den Markgrafen zurückgekauft werden. Erste Umbauten wurden ab September 1709 veranlasst; die Manufaktur nahm ihren Betrieb bereits 1710 auf. Ab 1712 produzierte sie schon Fayencen von hoher Qualität in ausreichender Quantität. Das Monopol zum Schutze der Fabrik und ihrer Waren wurde am 4. April 1712 vom Markgrafen erlassen. Da im neu erbauten prächtigen Markgrafenschloss zu Ansbach sowie in den vornehmen Häusern des Hofadels Fayencen als Schmuck- und Gebrauchsgegenstände jetzt unentbehrlich wurden, erhielt die fürstliche Fayence-Fabrik zahlreiche lukrative Aufträge. Die Blütezeit der Manufaktur reichte – trotz unmittelbarer Konkurrenz aus Oettingen-Schrattenhofen und Crailsheim – bis in die Regierungszeit des „Wilden Markgrafen“ hinein, der 1729 das Erbe seiner verstorbenen Mutter antrat. Eine ernstzunehmende Konkurrenz erwuchs dem Unternehmen erst durch die Einrichtung einer Porzellanmanufaktur in Ansbach durch den nachfolgenden Markgrafen Christian Friedrich Carl Alexander (1736-1806). Die Fayenceproduktion vermochte es aber dennoch, sich zu behaupten, indem das Angebot zunehmend auf die Bedürfnisse einer bürgerlich-bäuerlichen Kundschaft umgestellt wurde. Das Unternehmen wurde bis 1804 weitergeführt, im Jahre 1807 schließlich zwangsversteigert.