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Seidensticker-Fingerhut

Dr. Patricia Brattig

Nürnberg, Ende 16. bis Anfang 17. Jahrhundert

Fingerhut: Kupferlegierung, getrieben, feuervergoldet; Hinterglasmalerei (Amelierung) aus leinölbasierten, transparenten Lacken mit radiertem Blattgoldauftrag und Malerei in Silberschliff; Manschette: Silber, graviert, gelötet, gefeilt mit Cloisonné-Emaille; Kappe: Silber, getrieben, punziert

H gesamt 2,5 cm, H Korpus ohne Kappe 2 cm, DM 1,8 cm; H Manschette 1,3 cm, DM 1,7 cm; H Kappe 1,1 cm, DM 1,4 cm; Glas DM 0,8 cm, Dicke 0,07 cm

Schenkung Dr. Wilhelm Clemens, München

Inv. Nr. G 913/1-3

Der aus Nürnberg stammende Fingerhut besteht aus drei Teilen: Der konisch sich nach oben verjüngende, glatte Korpus aus getriebener und feuervergoldeter Kupferlegierung ist am unteren Rand mit einer umlaufenden, aufgelöteten und feuervergoldeten Erbskette aus Silber(?) verziert. Das Kuppenstück aus getreppt getriebener, ebenfalls feuervergoldeter Kupferlegierung ist offenbar aufgeklebt; in der Fassung oben ist hinter einer runden, farblos-transparenten Glasscheibe ein Hinterglasbild appliziert. Die Amelierung zeigt ein golden umrahmtes, bekröntes Herz, das von zwei weißen Pfeilen durchbohrt und von zwei Händen gehalten wird. Eine separate, konische Manschette mit dreifach wiederholtem, partiell in opakem Gelb und halbtransluzidem Grün und Blau emailliertem, filigran durchbrochenem Dekor aus symmetrisch angeordneten Blattranken und genieteten fünfblättrigen Blümchen lässt sich über den Korpus stülpen. Die abnehmbare Kappe aus getriebenem Silber, unter der das Hinterglasbild geschützt verborgen liegt, ist mit zwei Flechtbändern verziert und gleichmäßig am Mantel diagonal-linear, an der Kuppel spiralig mit sternförmigen Vertiefungen punziert.

Ein Fingerhut ist laut Johann Heinrich Zedlers „Universal Lexicon Aller Wissenschaften und Künste“ aus dem Jahre 1735 (Bd. 9, Sp. 950) „[…] eine Art eines Futterals, welches von Silber, Messing oder Stahl getrieben, und auf seiner äußersten Fläche mit nahe aneinander gesetzten Tief=Puncten versehen, […] gleich einem Hütlein geformet, […]. Es wird dieses bey dem nähen über den Mittel=Finger gesteckt, um sich wieder [sic] das Stechen des Näh=Nadel=Oehrs zu bewahren; […].“ Der Fingerschutz für die handwerkliche Näharbeit, dem die Fingerhutblume (Digitalis) den Namen verdankt, wurde vom Nadler, Spengler und Fingerhüter angefertigt und vom Krämer und Kurzwarenhändler weiter gehandelt. Herausragende Fingerhut-Handwerker fanden sich einstmals vorrangig in Nürnberg und Köln, aber auch in Frankreich und den Niederlanden. Oftmals wurde der untere Rand der Fingerhüte besonders verziert, insbesondere bei jenen aus Nürnberger Werkstätten. Es gab nicht nur Fingerhüte aus Silber, Messing oder Stahl, sondern seltener auch aus Gold, Kupfer, Eisen, Porzellan, Elfenbein und Horn. Sie dienten sowohl der edlen Dame und dem bürgerlichen „Frauenzimmer“ als auch dem gewerbetreibenden Näher, Sticker, Schneider, Kürschner, Riemer, Sattler, Taschner, Säckler, Beutler und Schuster gleichermaßen bei der Arbeit. Jene aus Elfenbein wurden bevorzugt zum Spinnen von Gold- und Silberlahn verwendet.

Es darf angenommen werden, dass der Fingerschutz schon in vorgeschichtlicher Zeit parallel zur Kunst des Nähens selbst entwickelt wurde und zunächst als Plättchen (aus Stein, Holz, Leder oder Knochen) entweder am Hals herabhängend oder ähnlich einem Fingerring am Daumen zum Durchdrücken der Nadel durch das Nähgut gehandhabt wurde. Solche Drucksteine wurden in zahlreichen Ausgrabungen jungsteinzeitlicher Siedlungen gefunden. Die frühesten Fingerhüte aus Metall in Haubenform stammen aus dem Mittelmeerraum und wurden von den Römern auch in den nördlichen römischen Provinzen verbreitet.

Die Fingerhüter der freien Reichsstadt Nürnberg gehörten zunächst aufgrund der Gewerbefreiheit zu den „freien Künsten“; erst seit dem Ende des 15. Jahrhunderts schlossen sie sich zu Handwerker-Bruderschaften zusammen, deren Mitglieder durch die Anfertigung eines Meisterstücks und das Bestehen der Meisterprüfung ihre Handwerkskunst unter Beweis stellten. Zunächst gehörten die Fingerhüter zum Handwerk der Rotschmiede, von denen sie die Rohware zur Weiterverarbeitung bezogen. Bald lernten sie, die Fingerhüte selbst zu gießen und an der Drehbank weiter zu veredeln. Im 16. Jahrhundert wurden die Fingerhüte jedoch bereits aus Messingblechscheiben im Tiefziehverfahren geschlagen. Aus der Umstellung der Arbeitsweise folgte die Loslösung aus der Gemeinschaft der Rotschmiede und die Entstehung des eigenständigen Fingerhüter-Handwerks. Die Bedeutung der dabei zur Anwendung gelangten neuen, edleren Messinglegierung aus metallisch reinem Kupfer und Zink war den Nürnberger Ratsherren durchaus bewusst, da sie zum Schutze des neuen Fertigungsverfahrens jedes Handwerk, das dieses Material verarbeitete, zum „gesperrten Gewerbe“ erklärten. Dies betraf in Nürnberg 26 Berufe, deren Mitglieder nicht ohne Erlaubnis des Rates die Stadt verlassen durften. Den Gesellen war somit das Wandern verboten; ihre Ausbildung jedoch folgte weiterhin den Gepflogenheiten des tradierten Handwerks.

Die aufwändige Gestaltung mancher Handarbeitsutensilien und ihre Anfertigung aus edlen Materialien finden ihren Grund wohl nicht allein darin, den eigenen Wohlstand zu demonstrieren. Solche Luxusobjekte waren oft Geschenke älterer Familienmitglieder an ein Mädchen oder eines Mannes an seine Verlobte oder Ehefrau. Das von Pfeilen durchbohrte Herz des Hinterglasbildes zeichnet unseren Fingerhut als Liebesgabe und Liebesbeweis aus; leider lässt sich die hiermit reich Beschenkte heute nicht mehr identifizieren und benennen.