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Provenienzforschung – was ist das?

Als Provenienz wird die Herkunftsgeschichte der Objekte bezeichnet, von ihrer Entstehung bis zum heutigen Aufbewahrungsort. Die Untersuchung der Herkunft der Sammlungsbestände gehört zu den Kernaufgaben der wissenschaftlichen Arbeit im Museum. Mit der Rekonstruktion einer möglichst lückenlosen Abfolge aller Eigentümer*innen und Besitzer*innen eines Objektes verbinden sich beispielsweise Erkenntnisse über die Urheberschaft der Werke und über die Geschichte von Institutionen und Sammlungen.

Die systematische Erforschung von Provenienzen in Museen steht heute vor allem im Zusammenhang mit dem verfolgungsbedingten Entzug von Kulturgütern während der Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945) und anderen Unrechtskontexten. In dieser Hinsicht verbindet sich die Untersuchung der eigenen Sammlung mit einer besonderen Verantwortung. Viele der meist jüdischen Opfer des NS-Regimes wurden enteignet oder waren gezwungen, ihr Eigentum auf der Flucht vor Verfolgung zurückzulassen oder zu verkaufen. Kulturgüter der Opfer gelangten in dieser Weise auch in öffentliche Sammlungen.

In der sogenannten Washingtoner Erklärung von 1998 vereinbarten Vertreter*innen von 44 Nationen in den USA, Mittel zur Verfügung zu stellen, um entzogene Kunstwerke zu identifizieren und an die rechtmäßigen Eigentümer*innen zurückzugeben. Zwei Jahre später initiierte das Wallraf-Richartz-Museum ein erstes Forschungsprojekt zur Untersuchung der Herkunft seiner 1933 bis 1945 erworbenen Gemälde. 2007 richtete die Stadt Köln im Dezernat für Kunst und Kultur eine eigene Stelle für Provenienzforschung ein.

 

Die Provenienzforschung im Museum für Angewandte Kunst Köln

Im Zentrum der Provenienzforschung im MAKK steht die Überprüfung der Sammlung in Hinblick auf NS-verfolgungsbedingte Kulturgüter. Auch das MAKK, damals noch unter dem Namen Kunstgewerbe-Museum, hat in der Zeit des Nationalsozialismus und danach Objekte in seine Sammlung aufgenommen, die ihren Vorbesitzer*innen unrechtmäßig entzogen wurden. Ein Beispiel hierfür sind die Fayencen, die 1938/39 aus der Sammlung des Nürnberger Unternehmers Igo Levi (vor 1888–1961) angekauft wurden. Levi wurde vom nationalsozialistischen Regime aufgrund seiner jüdischen Abstammung verfolgt und musste 1939 in die Schweiz fliehen. Seine Kunstsammlung wurde beschlagnahmt und zwangsverkauft. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beantragte Igo Levi die Rückgabe seiner unrechtmäßig entzogenen Kunstsammlung. Das Kunstgewerbe-Museum restituierte 1951 und 1954 an den Sammler insgesamt sechs Fayencen, weitere verblieben als Schenkung im Museum.

Mit der Veröffentlichung von Bestandskatalogen zu verschiedenen Sammlungsgebieten des Kunstgewerbe-Museums bzw. MAKK wurden für zahlreiche Objekte die jeweils bekannten Erwerbungsinformationen zusammengetragen und zugänglich gemacht. Diese Kataloge liefern wertvolle Grundlagen für die weitere Forschung zu den Provenienzen der Objekte. Allerdings beschränken sich die im Archiv des Museums bewahrten und veröffentlichten Informationen oftmals auf knappe Hinweise auf die unmittelbaren Vorbesitzer*innen.

Seit vielen Jahren wird die Herkunft neuer Zugänge in die Sammlung des MAKK, die bis zum 8. Mai 1945 entstanden sind, im Vorfeld erforscht, um einen verfolgungsbedingten Entzug ausschließen zu können. Dies gilt zum Beispiel für ein 2015 erworbenes Konvolut von Werken der jüdischen Keramikerin Margarethe Heymann-Loebenstein (1899–1990). Für eine vollständige Aufarbeitung der Bestände des Museums müssen nicht nur die Zugänge in den Jahren des Nationalsozialismus und heutige Erwerbungen überprüft werden. Auch für alle zwischen 1945 und 2009 zugegangenen Objekte soll die Herkunftsgeschichte mindestens bis in die frühen 1930er Jahre erforscht werden. Im Idealfall führen die Untersuchungen zu einer lückenlosen Provenienz für das Objekt.