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Vier Radschlosspistolen en miniature

Dr. Petra Hesse

Michael (Michel) Mann zugeschrieben, Nürnberg, um 1600
Stahl, teils gebläut; Kupferlegierung
L 838: L 5,3 cm, L 839: L 5,1 cm, L 840: L 5,4 cm, L 841: L 5,1 cm
Schenkung Dr. Wilhelm Clemens, München
Inv. Nr. L 838, L 839, L 840, L 841

Die vier Radschlosspistolen mit Fischschwanzkolben unterscheiden sich nur geringfügig in wenigen Details. Sie sind zwar in Miniaturformat gearbeitet, aber rein technisch voll funktionsfähig.

Die Radabdeckungen sind gerundet, die Läufe in der vorderen Hälfte rund und in der hinteren eckig. Kleine angearbeitete Ösen dienen zur Anbringung einer Kette, um die Miniaturpistolen als Anhänger tragen zu können.

Charakteristisch für alle vier Exemplare ist der farbliche Kontrast zwischen den Eisenteilen und den vergoldeten Zierelementen. Die Fischschwanzkolben, die Zündpfannen und die Pfannendeckel bestehen aus vergoldetem und graviertem Kupfer. Schaft und Kolben werden jeweils von einer angeschraubten und vergoldeten Kupferplatte bedeckt. Die Platten, Schlossseiten und Kolben sind unterschiedlich mit Rankenmotiven, kleinteiligen Rauten- und Fischgrätmustern oder, wie in einem Fall, mit einem springenden Tier graviert. Die ebenfalls vergoldeten Abzugbügel sind entweder eckig oder gebogt, die Abzüge gerade. Ladestock, Hahn und Hahnfeder sind meist undekoriert. Die detailreichste Verzierung zeigt die Pistole L 841.

Die vier Miniatur-Radschlosspistolen werden stilistisch und technisch dem Nürnberger Kunstschlosser und Büchsenmacher Michael Mann zugeschrieben, der im ausgehenden 16. und frühen 17. Jahrhundert vor allem durch seine mechanisch kompliziert und ebenso kunstfertig gearbeiteten Miniatureisentruhen große Berühmtheit erlangte. Neben Truhen fertigte Michael Mann auch Miniaturwaffen und Modellkanonen. Diese Kunstwerke en miniature gelangten häufig als begehrte Sammelobjekte in Kunst- und Wunderkammern, die in der Spätrenaissance und im Barock in ganz Europa entstanden.

Gegenüber den reinen Kunstkabinetten dominierten in den Kunst- und Wunderkammern das universelle Sammlungskonzept sowie die Faszination an Raritäten, Kuriositäten und dem Fremden. Gleichzeitig galten die kostbaren und wertvollen Sammlungen als Mittel der Repräsentation und als Zeichen der humanistischen Gesinnung ihrer fürstlichen oder bürgerlichen Besitzer. Typische Sammelobjekte waren kunstvoll gefertigte Gold- und Silberschmiedearbeiten wie Nautiluspokale, gefasste Straußeneier und Narwalzähne, virtuose Elfenbeinschnitzereien und Drechslerarbeiten, Kunstuhren, Spielautomaten, Himmelsgloben, ostasiatisches Porzellan und eben auch kunsthandwerkliche Meisterwerke in Miniaturformat wie Truhen, Pistolen oder Kirschkernschnitzereien.

Die Lebensdaten von Michael Mann sind nicht überliefert. Er wurde in Augsburg geboren und starb bei Wöhrd bei Nürnberg nach 1630. Seine Lehre absolvierte Mann in Nürnberg, seine Meisterprüfung in Augsburg. Später lebte und arbeitete er in Fürth und in Wöhrd.

Der Nürnberger Astronom Johann Gabriel Doppelmayr (27. September 1677–1. Dezember 1750) äußerte sich in seinem 1730 erschienen berühmten Werk „Historische Nachricht von den Nürnbergischen Mathematicis und Künstlern“ zu Michael Mann folgendermaßen: „Ein Kunst-Schlosser, hatte ein besonderes Belieben fast beständig kleine eiserne Trühlein, die er mit künstlichen subtilen Schloß- und Riegel-Wercken versahe, sauber äzte und schön verguldete, dann auch kleine Büchsen und Pistole aus Eisen, die ebenfalls geäzt und verguldet wurden, zu machen, welche Stücke man noch bis dato vor schöne Kunstwercke erkennet.“