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Liebes-, Vorlobungs- und Freundschaftsringe

Lena Hoppe

In fast allen Kulturen besitzen Fingerringe über ihre schmückende Funktion hinaus einen Symbolwert, der fest mit dem Träger bzw. der Trägerin verbunden ist. Dies trifft besonders auf Liebesringe zu, die eine tiefe Verbundenheit zwischen zwei Menschen nach außen sichtbar machen.

Die Tradition der Überreichung eines Ringes an eine zukünftige Braut ist seit dem 2. Jahrhundert vor Christus nachweisbar und stellt seit jeher ein Zeichen des Versprechens und der Treue dar. Die Verlobungsringe der römischen Antike waren aus Eisen. Erst seit dem 2. Jahrhundert nach Christus erhielt die Braut einen goldenen Ring, der am Ringfinger der linken Hand getragen wurde. Man glaubte, dass von diesem Finger eine Ader direkt zum Herzen verläuft. Besonders beliebt waren Ringe, die mit zwei ineinandergreifenden rechten Händen verziert waren. Das als „mani in fede“ (italienisch für ‚Hände im Glauben‘) bezeichnete Motiv geht auf den römischen Brauch zurück, die Eheschließung mit dem Reichen der Hände zu besiegeln. Es ist daher auch als „dextrarum iunctio“ (lateinisch für ‚die verbundenen rechten Hände‘) bekannt. Die gesetzlich geregelte Eheschließung, wie wir sie heute kennen, hat sich erst Mitte des 18. Jahrhunderts herausgebildet. Vorher war die Trauungszeremonie von lokal zum Teil sehr unterschiedlichen Bräuchen bestimmt. Auch die kirchliche Trauung hat sich erst Mitte des 16. Jahrhunderts durchgesetzt. Um das gegenseitige Einvernehmen auszudrücken, waren bestimmte Symbole und Rituale wie die verbundenen Hände oder das Anstecken eines Ringes von großer Bedeutung. Die sogenannten „Fede-Ringe“ wurden von der Antike bis in das 19. Jahrhundert hinein als Liebes- oder Verlobungsringe überreicht. Die Gestaltung des Motivs hat sich über die Jahrhunderte dem Zeitgeschmack angepasst.

 

Männer trugen erst seit dem 13. Jahrhundert Ringe als Zeichen des Versprechens. Zuvor war die Verbundenheit einseitig. Nur die Braut verpflichtete sich mit der Annahme des Rings zur Treue gegenüber ihrem zukünftigen Ehemann. Im 14. Jahrhundert hatte sich der Brauch der Liebesringe in weiten Teilen Europas etabliert. Zu dieser Zeit waren schlichte Gold- und Silberringe beliebt, die innen oder außen mit Liebesschwüren und ähnlichen Inschriften versehen sind. Im 16. Jahrhundert durfte die Gestaltung gerne aufwendiger sein. Es wurden die unterschiedlichsten Modelle als Liebes- oder Freundschaftsringe getragen. Neben den „Fede-Ringen“ waren Ringe mit zwei unterschiedlichen Schmucksteinen besonders begehrt. Die Liebessymbolik spiegelte sich aber auch in Ringen, die mit plastischen Darstellungen wie Kleinkunstwerke gestaltet sind. Diese wurden vor allem im 16. Jahrhundert in Italien hergestellt, wo figural gestaltete Schmuckstücke bereits damals eine lange Tradition hatten. Im 17. Jahrhundert traten vermehrt Gedenkringe auf. Die Schmuckstücke symbolisierten die Verbindung zu geliebten verstorbenen oder lebenden Personen, zumeist aus dem nahen familiären Umfeld. Erst die Aufklärung ermöglichte es den Menschen, ihr soziales Umfeld freier zu wählen. Freundschaften wurden wichtiger und es entwickelte sich ein regelrechter Freundschaftskult, der in der gesamten Biedermeierzeit gepflegt wurde und der sich auch in der Gestaltung von Fingerringen widerspiegelt. Besonders gerne wurden in diesem Zusammenhang Haarlocken von geliebten lebenden oder verstorbenen Personen als Erinnerungsstücke in Medaillons oder Ringen nah am Körper getragen.

 

Fede-Ring
Italien, 1560–1570
Gold; Email
DM 2,26 cm, H 2,18 cm
Schenkung Dr. Wilhelm Clemens, München
Inv. Nr. G 981

Die zwei sich greifenden rechten Hände mit goldenen Krausen
und opakblauen Manschetten werden von einer Schulterzier
aus Cherubim-Köpfen auf transluzidgrünen Konsolen und rotblauem
Rollwerk eingerahmt. Diese Art der Gestaltung des
„dextrarum iunctio“ geht auf eine Vorlage aus dem 1561 datierten
Entwurfsbuch „Livre d’Anneaux“ des französischen Goldschmieds
und Medailleurs Pierre Woeiriot de Bouzey (1532–
1599) zurück.
Die breite, außen leicht gewölbte Ringschiene ist an der Außenseite
mit einer Akanthusvolutenranke in schwarzem Grubenschmelz
verziert. Innen ist die schwarz emaillierte Inschrift
„FIDES VITORIA N[OST]RA“ (‚Die Treue ist unser Sieg‘) zu lesen.

 

Liebesring
Frankreich, 14. bis 15. Jahrhundert
Gold
DM 2,56 cm, H 2,4 cm
Schenkung Dr. Wilhelm Clemens, München
Inv. Nr. G 1020

Auf dem Goldring mit außen kantiger Ringschiene ist die ehemals
mit Email ausgefüllte Inschrift „AVLTRE NE VEVLT“ zu lesen
(‚Eine/n andere/n will er/sie nicht‘). Französisch galt schon im
Mittelalter als die Sprache der Liebe und wurde auch in anderen
Ländern von der gebildeten Schicht gesprochen und verstanden.
Das „B“ steht vermutlich für den Namen der angebeteten Person.
Die ziselierte Blattranke im Inneren des Buchstabens deutet
darauf hin, dass dieser etwas später entstanden ist als der
Ring selbst und nachträglich angebracht wurde.

 

Zwillingsring
Deutschland, 2. Hälfte 19. Jahrhundert
Silber, vergoldet
DM 2,4 cm, H 3,09 cm
Schenkung Dr. Wilhelm Clemens, München
Inv. Nr. G 864

Dieser Ring besteht aus zwei im Profil halbrunden, ineinander
gehängten Reifen mit jeweils einer Hand, die übereinander
geschoben das „dextrarum iunctio“ ergeben. In der Fläche der
unteren Hand liegt ein kleines Herz. Die Schultern des Rings
sind als Blattkonsole mit halbplastischem Rollwerk ausgearbeitet.
Nur im geöffneten Zustand ist ein gravierter Bibelvers zu
lesen: „WAS GIT ZUSAMEN GEFIGET HAT / DAS SOL DER MENSCH
NIT SCHEIDEN“ („Was Gott zusammengefügt hat, das soll der
Mensch nicht scheiden“; Mt 19,6 / Mk 10,9).
Die sogenannten Zwillings- oder „Gimmel-Ringe“ (lat. gemellus
= Zwilling) kamen im 16. Jahrhundert auf und versinnbildlichen
die Symbolik der Liebesringe auf besondere Weise. Den ersten
Ring dieser Art trug angeblich Katharina von Bora bei ihrer Vermählung
mit Martin Luther im Jahr 1525, woraus sich auch die
Bezeichnung als „Luther-Ring“ ergab. Im 17. und 18. Jahrhundert
wurden Zwillingsringe in abgewandelten Formen und mit
verschiedenen gravierten Sprüchen und Bibelversen gerne als
Liebesringe verwendet. Sie konnten aus zwei oder mehreren
Reifen zusammengesetzt sein und als Ringkopf die ineinander
greifenden Hände oder andere Liebessymbole wie zum Beispiel
Herzen aufweisen. In Erinnerung an das Reformationsjubiläum
1817 wurde der Luther-Ring das gesamte 19. Jahrhundert in
großer Anzahl hergestellt.

 

Liebesring mit lagerndem Paar
Italien, um 1550
Gold; Email
DM 2,2 cm; H 2,25 cm
Schenkung Dr. Wilhelm Clemens, München
Inv. Nr. G 979

Die schmale Ringschiene wird oben von einem flach liegenden
Herz unterbrochen. Aus diesem wächst ein Pinienzapfen, an dem
ein vollplastisch ausgestaltetes Paar lagert. Reste von Email
lassen die ursprüngliche Farbigkeit erahnen. Das Herz war rot,
der Pinienzapfen sowie die Kleidung der männlichen Figur grün
emailliert.
Die Anordnung der Figuren geht auf Michelangelo zurück, der
zwischen 1525 und 1531 als Bildhauer die Florentiner Grabkapelle
des Lorenzo di Piero und Giuliano di Lorenzo de’ Medici in San
Lorenzo mit lagernden Allegorien ausgestattet hatte. Die Pinie
symbolisiert im Christentum den Lebensbaum. Der Pinienzapfen
steht für die Auferstehung und die Unsterblichkeit. Spätestens
die Inschrift in der Ringschiene „PER TVA BELTA“ (‚Für deine
Schönheit‘) macht deutlich, dass es sich hier um einen Liebesring
handelt.

 

Liebesring mit zwei Steinen
Westeuropa, um 1600
Gold; Rubin; Smaragd; Email
DM 2,16 cm, H 2,47 cm
Schenkung Dr. Wilhelm Clemens, München
Inv. Nr. G 983


Die Lilien an den Schultern der schmalen Ringschiene weisen
Reste von rotem, schwarzem und weißem Grubenschmelz auf.
Die darauf aufgesetzten Blüten waren mit blauem Email verziert
und könnten damit als Vergissmeinnicht gemeint sein. In der
rechteckigen Kastenfassung auf dem Ringkopf sind ein Rubin
und ein Smaragd im Tafelschliff eingefasst. Das Ornament aus
weißem Grubenschmelz an der Außenwandung der Fassung
erinnert an die Entwürfe des bedeutenden Ornamentvorlagenstechers
Daniel Mignot (gestorben 1616). Dieser publizierte
zwischen 1593 und 1616 in Augsburg 11 verschiedene Serien von
insgesamt 100 Blättern, die in ganz Europa Verbreitung fanden.
Viele Goldschmiede verzierten ihre Arbeiten mit Mignots Entwürfen
aus mit Stegwerk verbundenen Schweifkörpern.
Dieser Ringtypus wurde gerne als Zwillingsring gefertigt. Zur
Verlobung konnte jeder Partner einen Ringteil mit einem Stein
tragen. Bei der Hochzeit wurden die Teile zusammengefügt und
bildeten ein Ganzes. Den verschiedenen Edelsteinen wurden
unterschiedliche Symboliken zugeschrieben. So standen zum
Beispiel der rote Rubin für die Liebe, der blaue Saphir für Treue,
der grüne Smaragd für Jungfräulichkeit und der Diamant für Beständigkeit.
Unser Ring, der aus einem Guss besteht, symbolisiert
also die jungfräuliche Liebe.

 

Memento-mori-Ring
Westeuropa (Deutschland?), 2. Hälfte 17. Jahrhundert
Gold; Email
DM 1,68 cm, H 1,82 cm
Schenkung Dr. Wilhelm Clemens, München
Inv. Nr. G 996

Seit dem frühen Mittelalter verwiesen Totenkopfdarstellungen
in der Christlichen Kunst auf die menschliche Eitelkeit sowie
die Vergänglichkeit der Menschen und ihrer Umwelt. Der lateinische
Ausdruck „memento mori“ beschreibt Darstellungen wie
diese und bedeutet soviel wie ‚Sei Dir der Sterblichkeit bewusst‘.
Der mit Email verzierte Schädel auf diesem filigranen Ring wird
zu beiden Seiten von kleinen blauen Blüten flankiert. Sie werden
als Vergissmeinnicht gedeutet. Zusammen mit dem Totenkopf
warnen sie vor der Vergänglichkeit, die auch vor der Liebe nicht
Halt macht. Memento-mori-Ringe waren besonders im 17. Jahrhundert
beliebt.

 

Freundschaftsring mit Eichhörnchen
Deutschland, 1830–1840
Gold; Email
DM 2,43 cm, H 2,5 cm
Schenkung Dr. Wilhelm Clemens, München
Inv. Nr. G 1044


Die Ringschiene des zu großen Teilen emaillierten Rings ziert
eine goldene Ranke mit weißen, rosafarbenen, grünen und blauen
Blüten vor schwarzem Grund. Der Ringkopf wird von einem
aufklappbaren, rechteckigen Miniaturkästchen gebildet. Darin
wurde vermutlich eine Haarlocke oder ein anderes Erinnerungsstück
verwahrt, das den Träger oder die Trägerin des Rings mit
einer anderen Person verband. Auf dem mit einem Scharnier
befestigten Deckel ist vor blauem Hintergrund ein Eichhörnchen
auf einer grünen Rasenfläche dargestellt. Es hält eine
Nuss in seinen Vorderpfoten. Das Eichhörnchen tritt in der
westlichen
Kunst eher selten auf. Es spielt weder in der antiken
Mythologie noch in der christlichen Religion eine tragende Rolle
und ist nicht mit einem spezifischen Symbolgehalt in Verbindung
zu bringen. Es ist möglich, dass sich das Eichhörnchen auf diesem
Freundschaftsring auf ein unbekanntes Familienwappen bezieht
oder aus einem ganz anderen persönlichen Interesse heraus
dargestellt ist.


Freundschaftsring mit Hund
Deutschland, 1830–1840
Gold; Email
DM 2,48 cm, H 2,52 cm
Schenkung Dr. Wilhelm Clemens, München
Inv. Nr. G 1045


Die Ringschiene ist mit feinen Buckeln versehen, die farblich
voneinander abgesetzt sind. Das kleine Kästchen auf dem
Ringkopf ist hier oval ausgeführt. Auf seinem Deckel ist ein
weißer Hund auf grüner Rasenfläche vor einem schwarzen
Hintergrund dargestellt. Der Hund, als Symbol der Treue, blickt
auf einen ovalen, mit kleinen Blättern umkränzten Schild, der
von einem Herz ausgefüllt wird.