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Aktuelles Forschungsprojekt

Die Erwerbungen des Kölner Kunstgewerbe-Museums (heute: Museum für Angewandte Kunst Köln) 1933 – 1940

Seit August 2020 untersucht das MAKK die Provenienzen seiner Sammlungsbestände systematisch. In einem ersten Schritt werden in dem vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Forschungsprojekt bis Sommer 2022 diejenigen Kunstwerke untersucht, die zwischen 1933 und 1940 in die Sammlung des damals so genannten Kunstgewerbe-Museums gelangten. Überprüft werden Ankäufe im Kunsthandel, auf Auktionen und von privaten Sammler*innen ebenso wie Schenkungen an das Museum. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob sich unter den rund 400 Erwerbungen, die für diesen Zeitraum dokumentiert sind, Objekte befinden, die ihren Vorbesitzer*innen während der NS-Diktatur verfolgungsbedingt entzogen wurden. Für solche Fälle besteht das Ziel, eine „gerechte und faire Lösung“ (Washingtoner Erklärung) mit den rechtmäßigen Eigentümer*innen zu finden.

Am Beginn der praktischen Forschungsarbeit steht die Sichtung aller Hinweise zum Erwerb der Objekte, die im Museum aufzufinden sind. Zugangsverzeichnisse, Inventarbücher und weitere Unterlagen, die sich in der hauseigenen Objektdokumentation erhalten haben, geben erste Anhaltspunkte zu ehemaligen Eigentümer*innen. Auch wurde in der Regel vermerkt, ob die Kunstwerke angekauft wurden oder im Tausch, als Schenkung oder als Vermächtnis ins Museum gelangten. Eine besondere Herausforderung ergibt sich aus dem Umstand, dass die originalen Zugangsbücher des Kunstgewerbe-Museums für die Jahre nach 1935 im Krieg verloren gegangen sind. Sie verbrannten im Schreibtisch des damaligen Direktors Dr. Rudolf Verres, als das Museumsgebäude in der Bombennacht vom 29. Juni 1943 weitgehend zerstört wurde. Die Neuerwerbungen waren vor Kriegsbeginn auch nicht in die (erhaltenen) Inventarbücher aufgenommen worden. Erst in den 1950er Jahren, erschwert durch die langsame Rückkehr der Bestände, die während des Krieges ausgelagert gewesen waren, konnte mit der Nachinventarisierung begonnen werden. Wichtige Informationen für die Provenienzforschung gingen verloren und müssen nun rekonstruiert werden.

Die Objekte selbst können ebenfalls Hinweise auf ihre ehemaligen Eigentümer*innen bewahren, etwa in Form von Stempeln, Aufklebern oder alten Inventarnummern, die an den Kunstwerken angebracht sind. Deshalb werden im Rahmen des Forschungsprojekts alle Werke genau in Augenschein genommen und die Befunde zur Herkunftsgeschichte fotografisch dokumentieren. Zu den im aktuellen Projekt untersuchten Objekten zählen vor allem Fayencen, Porzellan, Gläser und Möbel, aber auch einzelne Elfenbeinschnitzereien, Gemälde, Schmuckstücke und Textilen.

Im Untersuchungszeitraum tätigte das Kunstgewerbemuseum seine Erwerbungen bei Kölner Händlern wie dem Kunsthaus Lempertz, Josef Schrader, Viktor Exinger oder dem Kunstsalon Hermann Sonnthal, aber auch im überregionalen Kunsthandel. Das Museum kaufte unter anderem bei Rudolph Lepke’s Kunst-Auctions-Haus, Gustav Cramer und E. Kahlert & Sohn in Berlin, im Auktionshaus Heinrich Hahn in Frankfurt am Main sowie bei Julius Böhler in München. Die Forschung zur Herkunft der Objekte in der Sammlung hat daher Bedeutung über Köln hinaus.

Auf der Basis der zusammengetragenen Erwerbungsinformationen können die Tiefenrecherchen beginnen: Im Museum wurden zu Neuerwerbungen meist nur knappe Informationen festgehalten. Um für Verdachtsfälle die genauen Erwerbungsumstände, die Herkunftsgeschichte der Objekte und die Situation der direkten Vorbesitzer*innen im Detail nachzuvollziehen, bedarf es weiterer Forschung. Zudem sollen möglichst auch frühere Eigentümer*innen ermittelt werden, die ihren Besitz unter Verfolgungsdruck abgeben mussten, bevor die Objekte dem Kunstgewerbe-Museum zugingen. Dies ist gerade bei Erwerbungen aus dem Kunsthandel unerlässlich. Die Spurensuche führt über Literaturrecherchen und Datenbanken zu historischen Adressbüchern, Verkaufskatalogen, regionalen und überregionalen Nachlässen und Archiven.

 

Dokumentation und Transparenz

Im Rahmen der Neukonzeption der Historischen Schausammlungen zeigten sich Verdachtsmomente zu problematischen Provenienzen in der Sammlung des MAKK. Sie gaben den Anstoß für das laufende Forschungsprojekt (2020–2022), um die daraus resultierenden Erkenntnisse in die weitere Planung der Neuaufstellung einbeziehen zu können. Für die zukünftigen Besucher*innen der Sammlungen soll auch die Herkunftsgeschichte der Objekte nachvollziehbar gemacht werden.

Die Ergebnisse der Provenienzforschung werden in der Datenbank des Museums dokumentiert. Rechtzeitig zum Start des Forschungsprojekts hat das MAKK ein spezielles Modul zur Erfassung von Provenienzangaben in Betrieb genommen, um alle Erkenntnisse zur Geschichte der Objekte nach den aktuellen Standards der Provenienzforschung zu erfassen. Die gesammelten Daten lassen sich mithilfe der Datenbank bündeln, nach verschiedenen Kriterien, etwa Ankäufe von einem bestimmten Kunsthändler, sortieren und für die weitere Forschung nutzen. Dies ist besonders wichtig für solche Objekte, für die sich zum jetzigen Zeitpunkt keine lückenlose und unbedenkliche Provenienz nachweisen lässt.

Eine weitere Aufgabe der Provenienzforschung liegt darin, ihre Ergebnisse öffentlich zugänglich zu machen. Zum Abschluss des Projekts im MAKK ist eine Tagung geplant, auf der die gewonnenen Erkenntnisse vorgestellt und in den Kontext der aktuellen Forschung gestellt werden. Zudem wird das MAKK erforschte Provenienzen zu seinen Sammlungsobjekten zukünftig in einer Online Collection veröffentlichen. Auch auf seiner Internetseite wird das MAKK immer wieder über den Stand der Provenienzforschung im Museum informieren.

Für diejenigen Objekte, die früheren Besitzern nachweislich verfolgungsbedingt entzogen wurden, liegt es in der Verantwortung des Museums, die rechtmäßigen Eigentümer*innen ausfindig zu machen, und mit ihnen gemeinsam eine gerechte und faire Lösung zu finden. In einigen Fällen werden die Provenienzen aufgrund der Quellenlage und des Forschungsstandes vorerst lückenhaft oder offen bleiben müssen. Ist ein Verdacht auf NS-verfolgungsbedingten Entzug nicht auszuschließen, sollen diese Objekte in der Datenbank Lost Art des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste dokumentiert und für zukünftige Recherchen auffindbar gemacht werden.