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Form & Funktion

Die Verbindung von Form und Funktion ist ein häufig vorkommendes Thema in der dänischen Schmuckkunst. Kim Buck begnügt sich nicht mit praktischen oder bereits bekannten funktionalen Lösungen für seinen Schmuck, sondern findet oft eigene, neue Wege. Wenn er die Grundlagen der Funktionalität in einem Solitärring neu erfindet, wirkt dies sehr einfach und gleichzeitig fast wie das Ergebnis einer magischen Formel für das Potential einer Form, die er in seiner alchemistischen Werkstatt erfunden hat. Man fragt sich häufig, wie es ihm gelungen ist, einen Diamanten so einzusetzen. Oder wie er einen Ring wie einen Wasserball hat aufblasen können.

Auf den ersten Blick sind viele der Arbeiten von Karina Noyon klassischer Natur und haben einen grafischen Akzent. Bis zu dem Moment, in dem sie angelegt werden, können sie auch flach und leblos erscheinen. Dann werden sie augenblicklich zum Leben erweckt, in dem auch der Zusammenhang zwischen der Form und der Funktion auf der einen sowie der Form und der Bewegung des Körpers auf der anderen Seite deutlich werden. Durch die Spannung des Metalls oder die Elastizität des Gummis entsteht der Eindruck, Karina Noyons Arbeiten würden frei um das Handgelenk, den Finger oder den Kopf herum schweben. Sie interpretiert die üblichen Funktionsprinzipien neu, wie man an ihren Manschettenknöpfen „Loop de loop“ („Looping“) sehen kann, bei denen das Hauptelement und der Verschlussmechanismus durch ein langes rotes Gummiband verbunden sind.

Üblicherweise ist der Verschlussmechanismus des Manschettenknopfes zwischen den Manschetten des Hemds verborgen, Karina Noyon jedoch bezieht die funktionalen Bestandteile in ihren Schmuck mit ein und lässt sie als sichtbare Zierelemente vor einem ansonsten glanzlosen weißen Hintergrund stehen.

Alternative Materialien

In den 1960er Jahren begannen dänische Schmuckkünstler*innen, sich von der Vorstellung zu lösen, der Wert sei die primäre Bestimmungsgröße von Schmuck. Alternative Materialien wie Acryl, Gummi und Papier wurden populärer und hatten in den 1980er Jahren in Dänemark einen bedeutenden Durchbruch. So verwendet Annette Kræn zum Beispiel Rosshaar als für sie charakteristisches Material. Häufig färbt sie es und nutzt es bei der Herstellung ihrer Kreationen zusammen mit Elementen aus geschwärztem Silber, Blattgold und Lack. Die Geschmeidigkeit des Haars harmoniert wunderbar mit der Bewegung des Körpers. Ihr Schmuck lässt sich perfekt um den Hals und das Handgelenk tragen.

Auch Helle Løvig Espersen versteht, wie schön der weiche, anpassungsfähige Körper mit den geschmeidigen und organischen Formen von Schmuck zusammenwirken kann. Die Form und der Teil des Körpers, an dem man das Schmuckstück trägt, werden als Ganzes betrachtet. Helle Løvig Espersen arbeitet wie eine Bildhauerin und ritzt sich ihren Weg zur endg ltigen Form. Für ihren „Hjertering“ (Herzring, 2003) hat sie kalten Marmor durch eine farbenfrohe Billardkugel ersetzt. Dieser Ring spiegelt wider, wie sie die Form und die Farbe der Kugel auf bestmögliche Weise nutzt. Das Herz auf der Oberfläche des Rings erscheint wie ein Siegel, ein kraftvolles Symbol. Die Unterseite ist weich und organisch und soll das Gefühl der Sinnlichkeit in der Liebe hervorrufen.  

Malene Kastalje hat mehrere Jahre lang experimentiert und ihr eigenes Schmuckmaterial entwickelt. Daraus sind intensive und eindringliche „Schmuckerzählungen“ entstanden. Der kreative Prozess zwischen Künstler*in, Werk und Welt ist symbiotischer Natur. Malene Kastalje nimmt die Welt mit ihren Sinnen auf, ihre Schmuckstücke wiederum fließen aus ihr heraus und bilden ein Ganzes, das mit der Welt verschmilzt.

Tradition & Innovation

Die dänische Schmuckkunst fußt auf einer Tradition einzigartiger Handwerkskunst, der Liebe zu einer schlichten und zurückhaltenden Designsprache und den klaren, eleganten Formen und Oberflächen von Silber. Der zeitgenössische dänische Schmuck zeichnet sich dagegen durch eine experimentellere Herangehensweise im Hinblick auf Techniken, Design und Materialien aus. Die jüngeren Schmuckkünstler*innen stellen die althergebrachten Konventionen infrage. Warum muss ein Faden aus Perlseide weiß und unauffällig sein, warum darf er kein sichtbarer und zierender Teil einer klassischen Perlenkette sein? Muss ein Rosettenring ausschließlich aus Edelsteinen bestehen?

Ist weniger mehr oder einfach nur langweilig? Ist zu viel in Ordnung? Mit dem Ring „MORE OR LESS|perfect #11“ ermutigt uns Annette Dam, über unsere eigenen individuellen Vorlieben nachzudenken, statt das zu tun, was alle anderen tun, und damit zu versuchen, Konsens darüber herzustellen, was guter Geschmack ist und was nicht. Kann das eine nicht genauso gut sein wie das andere?

Mit den Schmuckstücken dieser Serie ironisiert Annette Dam die klassischen Eigenschaften von Schmuck und die Vorstellung davon, was Schmuck ist und sein kann. Sie stellt die üblichen Werte infrage und lacht über den snobistischen Anspruch an das Design und die Formalität, die kostbaren Materialien meist zugedacht wird. Annette Dam verwendet statt Broschennadeln Spangenverschlüsse. Die üblicherweise strikten Regeln folgenden Kreationen werden durch eine unvorhersehbarere Komposition ersetzt. Der Stein ist so in den Ring gefasst, dass man ihn beinahe nicht sehen kann. „Zu viel“ eröffnet so eine ganz neue Art des Denkens.

Körper & Schmuck

Schmuckstücke werden so gestaltet, dass sie mit dem Körper interagieren. Dieser direkte Kontakt ermöglicht es, den Schmuck bewusster zu begreifen und gleichzeitig unsere Sinne zu stimulieren. Wir spüren das kalte, harte Metall oder die warmen und weichen Materialien auf unserer Haut. Es kann auch sein, dass unsere Bewegungsfreiheit etwas eingeschränkt wird. Oder das Schmuckstück löst Erinnerungen aus, die plötzlich wieder an die Oberfläche unseres Bewusstseins gelangen. Wenn Schmuck in Vitrinen hinter Glas ausgestellt wird, können wir diese besonderen Eigenschaften nur schwer erkennen und schätzen.

Für die Schmuckkünstlerinnen Margaret Bridgwater und Mette Saabye ist die Bewegung des Körpers zu einem wichtigen Schwerpunkt ihrer Arbeit geworden. Körper und Schmuck gehen bei ihren Kreationen eine symbiotische Beziehung ein. Die federleichten scheibenförmigen Elemente aus Chiffon des Halsschmucks „OOOIII…“ (2002) von Margaret Bridgwater schwingen und tänzeln, wenn der Körper sich bewegt.

Auf gleiche Weise spielt Mette Saabye auf das Gefühl der Bewegung des Körpers selbst und in dem ihn umgebenden Raum an. Bei dem Halsschmuck „Dråber af dug“ („Tautropfen“, 1996) fungieren die oval geformten Plättchen aus Perlmutt als Linsen, die die eigentliche Form teilweise verdecken und verzerren. Gleichzeitig betonen sie aber auch die Form des Körpers, begleitet von der lebhaften Symphonie der sich bewegenden Chiffon-Teilchen. Je mehr der Körper sich bewegt, desto schöner der Anblick.

Texte: Mette Saabye, Schmuckkünstlerin und Kuartorin, Kopenhagen