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Identität & Diversität

Schmuck ist eine nonverbale Sprache, eine Form des kreativen Ausdrucks. Farben, Linien und Materialien lassen zusammen ein Bild der Person entstehen, die das Schmuckstück trägt – sowohl als Individuum als auch als Teil einer Gruppe.

Die Broschen von Anne Lahn sagen uns, dass unsere Körper einzigartig sind: „Liebe deine Makel und Unzulänglichkeiten, sei nicht zu hart zu dir selbst.“ Anne Lahn ermutigt uns, die perfekten Körper zu vergessen, die wir in den sozialen Medien sehen, und stattdessen unsere Körper so zu lieben, wie sie sind. Schwangerschaftsstreifen, außer Rand und Band geratenes Körperhaar, schlaffe und unförmige Bäuche: Genieß das alles, nimm die Welt mit allen Sinnen wahr, mit deinem eigenen und ganz und gar einzigartigen Körper, so wie er ist.

Ein beliebtes Motiv in der dänischen Schmuckkunst ist die Margerite. Sie ist Dänemarks Nationalblume, ein Symbol für die dänische Kultur und Identität, für die Unabhängigkeit und das Königshaus. Zudem ist sie ein traditionelles Konfirmationsgeschenk. Und die Dän*innen pflücken ihre Blütenblätter eines nach dem anderen, wenn sie wissen wollen, ob ihr Schwarm sie liebt – oder auch nicht.

Im Jahr 1935 schenkte König Gustav VI. Adolf von Schweden, der Vater der in Schweden geborenen Kronprinzessin Ingrid zur Hochzeit eine diamantbesetzte Margeriten-/Gänseblümchen-Brosche. Sie war als Ehrung ihrer Mutter Margaret von Schweden gedacht – ihr Spitzname war Daisy, was zugleich auch auf Englisch „Magerite“ bedeutet. Als 1940 Königin Margrethe II. geboren wurde, brachte das Schmuckunternehmen A. Michelsen die „Magueritserien“ („Margeriten-Serie“) aus vergoldetem 925er-Silber mit weiß emaillierten Blütenblättern heraus. Es ist die Brosche aus dieser Serie, die Goldschmied Kim Buck im Rahmen der Arbeit „Daisy, Frit efter Niels Heidenreich“ („Magerite, frei nach Niels Heidenreich“) untersucht und damit die dänische Kultur und Identität seziert.

Illusion & Realität

Verstehen, was Realität und was Illusion ist, hängt eng damit zusammen, wie, was und in welchem Kontext unsere Augen sehen.

Ole Bent Petersen hatte eine besonders ironische und humorvolle Art, den Alltag zu beobachten – betrachtet durch eine liebevolle, aber bittersüße Brille. Mit seinen Schmuckstücken verfolgte er das Ziel, aus banalen Alltagserfahrungen etwas Erhabenes und Besonderes zu machen. Die Fenster (vielleicht auf der Fredericiagade im Herzen von Kopenhagen, der Straße, in der seine Werkstatt zu finden war), ein Drachen, der über uns im Wind flattert, ein Kleiderbügel, um Kleidung aus der Reinigung zu holen. Diese und viele andere Augenblicke verewigte er in Edelmetallen, mit Schmuckstücken, die einen Hauch von Pop Art in sich tragen. Mit seinem Humor und seiner Ironie hat Ole Bent Petersen deutlich Spuren hinterlassen und viele jüngere dänische Schmuckkünstler*innen dazu inspiriert, Humor als Mittel einzusetzen, um sich für den Dialog mit der Welt und dem Austausch verschiedener Sichtweisen zu öffnen.

Pernille Mouritzen präsentiert uns eine konstruierte Realität aus der Perspektive eines Kindes. Die beiden Halsketten „Bush-Tank“ und „Bush-Jet“ zeigen die karikaturhaften Beschreibungen voller Faszination eines Kindes, ausgeschnitten aus Messing, versilbertem Metall und geschwärztem Silber sowie in Kombination mit künstlichen Edelsteinen, Glas, Knochen und Band. Die beiden Ketten bringen uns zum Nachdenken darüber, wie wichtig der Blickwinkel oder die Perspektive ist, wenn wir versuchen zu verstehen, wie unsere Welt echt oder falsch erscheinen kann. Wir leben in einer Zeit, in der der Begriff „Fake News“ in unser Vokabular aufgenommen wurde. Warum nicht also auch „Real Illusion“ oder „Fake Reality“?

Raum & Bewegung

Die kommende Ausstellung „Danish Jewellery Box“ im MAKK ist dem zeitgenössischen, insbesondere dänischem Schmuck gewidmet. Zur Einstimmung auf die Show blicken wir jede Woche auf ein besonderes Thema. Heute widmen wir uns dem Thema Raum & Bewegung

Wenn ein Finger in einen Ring gesteckt wird, bewegt er sich in und durch einen Raum. Dies wird durch Torben Hardenbergs Arbeit „Ring the Chapel“ auf besondere Weise illustriert.

Aber diese Handlung kann auch eine Bewegung auslösen, wie beispielsweise beim „Rullering“ („Rollender Ring“) von Kim Buck, bei dem die grünen Aluminium-Elemente sich zu bewegen beginnen, sobald der Ring auf den Finger gesteckt wird.

Der Schmuck, den wir tragen, kann als eine Erweiterung unseres Körpers verstanden und erlebt werden. Durch die Verwendung und das Tragen der Schmuckstücke akzentuieren wir – unterstützt durch ihre Geschmeidigkeit, ihren Klang oder ihre Fähigkeit, Licht zu reflektieren – unsere Bewegungen und machen sie erfahrbar.

Camilla Prasch setzt sich mithilfe ihres „raumbezogenen Schmucks“ mit den Bezugspunkten Körper und Raum auseinander. Die Arbeit „Verlängert Fünf“, die Gestalt annimmt und zum Leben erwacht, sobald sie auf den Finger gesteckt wird, stellt einen Kontakt zwischen Boden und Hand her und ermöglicht so eine ganz neue Wahrnehmung des Raumes. Nach Aussage der Künstlerin selbst sind ihre Schmuckstücke unpraktisch und fast behindernd und können daher zu mehr Körperbewusstsein und Präsenz in der Umgebung – dem Raum, in dem man sich bewegt – beitragen.

Kasia Gasparski arbeitet mit physischen Räumen, in denen Menschen leben und die sie nutzen. Für ihre Arbeiten verwendet sie Reproduktionen von Plänen für Häuser und Gärten und wandelt diese in filigrane Zierobjekte um, mit denen wir uns schmücken können. Der Schmuck soll aber nicht nur als reine Zierde verstanden werden, sondern auch als sinn- und identitätsstiftende Symbole, die den sozialen Status ihrer Träger sowohl auf materieller als auch auf spiritueller Ebene widerspiegeln.

Erzählung & Abstraktion

Die Schmucksammlung der Danish Arts Foundation besteht aus Arbeiten, deren Stil von erzählenden, natürlichen und figurativen Motiven bis hin zu abstrakten, modernistischen Kreationen reicht.

An einem Ende dieses Spektrums lässt sich die Schmuckkünstlerin Irene Griegst verorten, deren Inspiration die Schmucktraditionen des Nahen Ostens bilden. Ihre Schmuckstücke erzählen Geschichten, die als poetische Momentaufnahmen Gestalt annehmen, wie eine kleine Biene, die an einem heißen Sommertag summend durch ein Blumenbeet fliegt.

Ihre Wahl im Hinblick auf Materialien und Techniken nimmt eindeutig Bezug auf die minoische Schmuckkunst. Augenblicklich werden wir in eine andere Zeit und an einen anderen Ort versetzt, weit entfernt vom kalten Norden. Irene Griegst ist die Scheherazade der dänischen Schmuckkunst, ihr Schmuck erhebt sich aus einem feministischen und poetischen Universum.

Am anderen Ende des Spektrums finden wir das Paar Karen Ihle und Jens Eliasen, die einige der Arbeiten in der Sammlung der Dänischen Kunststiftung geschaffen haben. Es sind minimalistische, abstrakte Kreationen, die vom flachen, die Stadt Tønder umgebenden Marschland und dem Licht, das sich in diesem Landstrich ständig verändert, inspiriert sind. Hier leben und arbeiten sie. Ihre Schmuckstücke tragen den Puls des ruhenden Körpers in sich, Wiederholungen in Licht und Schatten, sie sind offen und geschlossen. Zusammen bilden diese ansonsten geometrischen Elemente sanfte organische Formen, die den weichen Kurven des Körpers folgen. Der gespannte Bogen der Brust und die Brosche, die über die gleichen Eigenschaften verfügt, bilden ein perfektes Paar. Der Steg des tropfenförmigen Rings findet sich in perfekter Harmonie mit der Wölbung des Handrückens. Der Körper ist die landschaftliche Szenerie für ihren Schmuck.

Dekoration & Konzept

Ein kleines Ornament, ein funkelnder Edelstein in einer wunderschönen Farbe, ein dekoratives Objekt, das am Körper getragen wird und eine Welt voller Ideen und Deutungen in sich birgt: denn hinter jeder Dekoration steht auch ein Konzept.

Mikala Naur hat während ihrer gesamten Karriere als Schmuckkünstlerin die klassische Verwendung von Materialien infrage gestellt und hilft uns damit, über die tradierten Erwartungen nachzudenken, die mit Schmuck als wertvollem, funktionalem und körperbezogenem Objekt aus kostbaren Materialien verknüpft sind. Sie hat Gold, die polierten Silberoberflächen und Edelsteine, die in der dänischen Schmuckkunst ansonsten so populär sind, durch Alltagsgegenstände wie Gummi, Plexiglas und Messing ersetzt. Voller Selbstbewusstsein schafft sie Kreationen mit einer schnörkellosen Ästhetik, die in einem humorvollen und ironischen Ansatz den Wert der kurzen Augenblicke des Glücks in unserem Alltag aufzeigen. Im Rahmen der Broschenserie „Den japanske suite“ („Die japanische Suite“), die einen schnörkellosen und typisch nordischen Designansatz verfolgt, hat Mikala Naur kleine Objekte auf einem geschwärzten Metallblech befestigt – beispielsweise ein „&“-Zeichen, ein Schlüsselloch in Bronze oder eine chinesische Münze – und gibt dem Auge damit einen Ort zum Verweilen. Wiederholung und Variation – der Begriff des Wertes wird neu interpretiert, er entfaltet sich in einer Weise, die zugänglich ist und weder die eigene Bewegungsfreiheit einschränkt noch eine bestimmte Position am Körper verlangt, an dem die Kreation getragen wird. Ein kleines Schmuckstück, das große Fragen stellt.

Humor & Sarkasmus

Anfang der 1980er Jahre begannen Humor und Sarkasmus in der dänischen Schmuckkunst eine Rolle zu spielen. So nutzte Ole Bent Petersen auf unorthodoxe Weise kostbare Materialien und kreierte damit Schmuckstücke, die erkennbar von der Pop Art inspiriert waren. Peder Musse hingegen legte seinen Schwerpunkt auf die Themen Spiel und Bewegung. Diese Merkmale sind nach wie vor wichtige Elemente im Werk vieler dänischer Schmuckkünstler*innen.

Eine der jüngeren und wichtigsten Vertreter*innen innerhalb dieses Bereichs ist Marie-Louise Kristensen, die neben Humor und Verspieltheit einen ausgeprägten Sinn für Satire und die absurden Seiten der dänischen Identität hat. Diese kommentiert sie jedoch nicht mit scharfen Worten, sondern figurativ mit pointierten „Schmuckerzählungen“.

Die Broschen „How to get thin quick?“ („Wie wird man schnell dünn?“) und „Enhance Your Male Power“ („Verbessere deine Manneskraft“) stammen aus der Serie „I’m Sitting in a Room“ („Ich sitze in einem Raum“), bei der Marie-Louise Kristensen – mit Verweisen auf Industriedesign und in Kombination mit surrealeren Elementen – mit Titeln arbeitet, die sie als Betreffe im Spam-Filter ihres E-Mail-Kontos gefunden hat. Die Arbeiten und Titel lassen einen in einem Zustand absurder Erkenntnis zurück, in einem blubbernden rosa Universum und mit einem Lächeln im Gesicht. Die Kreationen von Marie-Louise Kristensen sind nicht im Geringsten selbstgerecht, schließlich macht es mehr Spaß, über die großen und kleinen Schwierigkeiten des Lebens zu lachen, als über sie zu weinen. Dies ist ein weiterer Beweis dafür, dass schwarzer Humor und beißender Sarkasmus tief in der dänischen Kultur verwurzelt sind.

Ritual & Fetisch

Im erweiterten Sinne kann Schmuck viele verschiedene Aufgaben haben. Eine Brosche sorgt dafür, dass der Schal richtig sitzt, ein Haarkamm hält die Locken zusammen. Schmuck wird aber auch häufig mit abstrakteren Funktionen in Verbindung gebracht. Der Glaube daran, dass Schmuck magische Kräfte besitzen oder uns wie ein Amulett vor dem Bösen beschützen kann, ist so alt wie die Menschheit: Ein kleiner Anhänger, ein goldenes vierblättriges Kleeblatt, ein Hufeisen oder ein Glücksring, der von einem Familienmitglied zum anderen weitergegeben wird, wenn dieser eine Prüfung hat oder sich auf eine gefährliche Reise begibt. Zudem steht Schmuck auch häufig mit Ritualen in Verbindung. Ein klassisches Beispiel hierfür sind Trauringe, die den Übergang vom Single-Leben zur Ehe markieren und die Verbindung zwischen zwei Personen symbolisieren.

Leben und Tod sind wiederkehrende Themen bei den Arbeiten von Torben Hardenberg. Eines seiner früheren Werke „Gloria of Columbia“ („Gloria von Kolumbien“) erinnert an eine Tiara, ein zeremonielles Schmuckstück, wie es Chibcha- oder Muisca-Priester bei Ritualen trugen und damit eine magische Verbindung zwischen Leben und Tod herstellten. Der verwendete Schädel versteht sich als ein „Memento mori“, das uns daran erinnert, dass hoch entwickelte Kulturen kommen und gehen.

Christine Bukkehave ist eine der jungen und talentierten dänischen Schmuckkünstlerinnen, die eingeladen wurde, an der Ausstellung mitzuwirken. Sie interpretiert die ästhetischen Ausdrucksformen von indigenen Kulturen und kombiniert sie mit der für die skandinavischen Länder charakteristischen Designsprache. Auf diese Weise sind Schmuckstücke entstanden, die eine starke Energie verströmen, Stücke, die Natur und Kultur vereinen. Man hat das Gefühl, dass man ein Amulett in der Hand hält, das den Übergang zwischen dem modernen Stadtleben und den Urgewalten der Natur schützt.

Status & Macht

Traditionell spiegelt Schmuck den sozialen Status und den Grad des Einflusses wider, den sein*e Träger*in in der Gesellschaft hat. Ein klassisches Beispiel in der Schmuckkunst ist der Verlobungsring, bei dem die Größe des Diamanten reflektiert, wie viel Geld der zukünftige Ehemann in seine Verlobte „investieren“ muss. Gleichzeitig wird der Ring zu einem Symbol für die „Trophäe“ der Frau: ihren zukünftigen Ehemann und seine wirtschaftlichen Fähigkeiten. Der Verlobungsring bringt auf der anderen Seite jedoch auch zum Ausdruck, wie begehrenswert und geschätzt die Frau ist, wodurch sie ebenfalls zu einer „Trophäe“ des Mannes wird. Viele dänische Schmuckkünstler*innen beschäftigen sich mit der Gleichstellung der Geschlechter im sozialen Kontext. Sie untersuchen die aktuelle Situation im Hinblick auf traditionell geschlechtsspezifisch definierte Aufgaben und die diesbezügliche Zuschreibung von Werten sowie die Art und Weise, wie wir unsere Mitmenschen sehen.

Dies ist ein Thema, mit dem sich unter anderem Helle Bjerrum befasst. Sie hat die verschiedenen Interpretationen dessen untersucht, was Status im Hinblick auf die Wertbildung bedeutet, in Bezug auf sentimentale Werte, die wir mit bestimmten Orten verbinden, und somit als etwas, dass aktiv in der Kultur reproduziert wird. Sie beschäftigt sich auch mit der Tatsache, dass es traditionellerweise einen Unterschied gibt, wie die verschiedenen Geschlechter einen bestimmten Status erreichen.

Bei ihren Medaillen und Medaillons konzentriert sich Helle Bjerrum darauf, wie wir in puncto Schmuck zwischen Männern und Frauen unterscheiden. Sie zeigt, wie wir das jeweilige Geschlecht für seine Leistungen mit wahlweise Medaillen oder Medaillons „auszeichnen“ und damit die Regeln dafür festlegen, wie sich Mann und Frau verhalten und welche Ziele sie haben sollten. Für Männer, für ihre ehrenhaften, mutigen und kühnen Taten, eine Medaille. Und für Frauen, die einen sicheren Ort für ihre Familie schaffen, ein Medaillon, in dem sie zum Beispiel Haarsträhnen von ihrem Mann und ihren Kindern oder deren Fotos aufbewahren können. 

Form & Funktion

Die Verbindung von Form und Funktion ist ein häufig vorkommendes Thema in der dänischen Schmuckkunst. Kim Buck begnügt sich nicht mit praktischen oder bereits bekannten funktionalen Lösungen für seinen Schmuck, sondern findet oft eigene, neue Wege. Wenn er die Grundlagen der Funktionalität in einem Solitärring neu erfindet, wirkt dies sehr einfach und gleichzeitig fast wie das Ergebnis einer magischen Formel für das Potential einer Form, die er in seiner alchemistischen Werkstatt erfunden hat. Man fragt sich häufig, wie es ihm gelungen ist, einen Diamanten so einzusetzen. Oder wie er einen Ring wie einen Wasserball hat aufblasen können.

Auf den ersten Blick sind viele der Arbeiten von Karina Noyon klassischer Natur und haben einen grafischen Akzent. Bis zu dem Moment, in dem sie angelegt werden, können sie auch flach und leblos erscheinen. Dann werden sie augenblicklich zum Leben erweckt, in dem auch der Zusammenhang zwischen der Form und der Funktion auf der einen sowie der Form und der Bewegung des Körpers auf der anderen Seite deutlich werden. Durch die Spannung des Metalls oder die Elastizität des Gummis entsteht der Eindruck, Karina Noyons Arbeiten würden frei um das Handgelenk, den Finger oder den Kopf herum schweben. Sie interpretiert die üblichen Funktionsprinzipien neu, wie man an ihren Manschettenknöpfen „Loop de loop“ („Looping“) sehen kann, bei denen das Hauptelement und der Verschlussmechanismus durch ein langes rotes Gummiband verbunden sind.

Üblicherweise ist der Verschlussmechanismus des Manschettenknopfes zwischen den Manschetten des Hemds verborgen, Karina Noyon jedoch bezieht die funktionalen Bestandteile in ihren Schmuck mit ein und lässt sie als sichtbare Zierelemente vor einem ansonsten glanzlosen weißen Hintergrund stehen.

Alternative Materialien

In den 1960er Jahren begannen dänische Schmuckkünstler*innen, sich von der Vorstellung zu lösen, der Wert sei die primäre Bestimmungsgröße von Schmuck. Alternative Materialien wie Acryl, Gummi und Papier wurden populärer und hatten in den 1980er Jahren in Dänemark einen bedeutenden Durchbruch. So verwendet Annette Kræn zum Beispiel Rosshaar als für sie charakteristisches Material. Häufig färbt sie es und nutzt es bei der Herstellung ihrer Kreationen zusammen mit Elementen aus geschwärztem Silber, Blattgold und Lack. Die Geschmeidigkeit des Haars harmoniert wunderbar mit der Bewegung des Körpers. Ihr Schmuck lässt sich perfekt um den Hals und das Handgelenk tragen.

Auch Helle Løvig Espersen versteht, wie schön der weiche, anpassungsfähige Körper mit den geschmeidigen und organischen Formen von Schmuck zusammenwirken kann. Die Form und der Teil des Körpers, an dem man das Schmuckstück trägt, werden als Ganzes betrachtet. Helle Løvig Espersen arbeitet wie eine Bildhauerin und ritzt sich ihren Weg zur endg ltigen Form. Für ihren „Hjertering“ (Herzring, 2003) hat sie kalten Marmor durch eine farbenfrohe Billardkugel ersetzt. Dieser Ring spiegelt wider, wie sie die Form und die Farbe der Kugel auf bestmögliche Weise nutzt. Das Herz auf der Oberfläche des Rings erscheint wie ein Siegel, ein kraftvolles Symbol. Die Unterseite ist weich und organisch und soll das Gefühl der Sinnlichkeit in der Liebe hervorrufen.  

Malene Kastalje hat mehrere Jahre lang experimentiert und ihr eigenes Schmuckmaterial entwickelt. Daraus sind intensive und eindringliche „Schmuckerzählungen“ entstanden. Der kreative Prozess zwischen Künstler*in, Werk und Welt ist symbiotischer Natur. Malene Kastalje nimmt die Welt mit ihren Sinnen auf, ihre Schmuckstücke wiederum fließen aus ihr heraus und bilden ein Ganzes, das mit der Welt verschmilzt.

Tradition & Innovation

Die dänische Schmuckkunst fußt auf einer Tradition einzigartiger Handwerkskunst, der Liebe zu einer schlichten und zurückhaltenden Designsprache und den klaren, eleganten Formen und Oberflächen von Silber. Der zeitgenössische dänische Schmuck zeichnet sich dagegen durch eine experimentellere Herangehensweise im Hinblick auf Techniken, Design und Materialien aus. Die jüngeren Schmuckkünstler*innen stellen die althergebrachten Konventionen infrage. Warum muss ein Faden aus Perlseide weiß und unauffällig sein, warum darf er kein sichtbarer und zierender Teil einer klassischen Perlenkette sein? Muss ein Rosettenring ausschließlich aus Edelsteinen bestehen?

Ist weniger mehr oder einfach nur langweilig? Ist zu viel in Ordnung? Mit dem Ring „MORE OR LESS|perfect #11“ ermutigt uns Annette Dam, über unsere eigenen individuellen Vorlieben nachzudenken, statt das zu tun, was alle anderen tun, und damit zu versuchen, Konsens darüber herzustellen, was guter Geschmack ist und was nicht. Kann das eine nicht genauso gut sein wie das andere?

Mit den Schmuckstücken dieser Serie ironisiert Annette Dam die klassischen Eigenschaften von Schmuck und die Vorstellung davon, was Schmuck ist und sein kann. Sie stellt die üblichen Werte infrage und lacht über den snobistischen Anspruch an das Design und die Formalität, die kostbaren Materialien meist zugedacht wird. Annette Dam verwendet statt Broschennadeln Spangenverschlüsse. Die üblicherweise strikten Regeln folgenden Kreationen werden durch eine unvorhersehbarere Komposition ersetzt. Der Stein ist so in den Ring gefasst, dass man ihn beinahe nicht sehen kann. „Zu viel“ eröffnet so eine ganz neue Art des Denkens.

Körper & Schmuck

Schmuckstücke werden so gestaltet, dass sie mit dem Körper interagieren. Dieser direkte Kontakt ermöglicht es, den Schmuck bewusster zu begreifen und gleichzeitig unsere Sinne zu stimulieren. Wir spüren das kalte, harte Metall oder die warmen und weichen Materialien auf unserer Haut. Es kann auch sein, dass unsere Bewegungsfreiheit etwas eingeschränkt wird. Oder das Schmuckstück löst Erinnerungen aus, die plötzlich wieder an die Oberfläche unseres Bewusstseins gelangen. Wenn Schmuck in Vitrinen hinter Glas ausgestellt wird, können wir diese besonderen Eigenschaften nur schwer erkennen und schätzen.

Für die Schmuckkünstlerinnen Margaret Bridgwater und Mette Saabye ist die Bewegung des Körpers zu einem wichtigen Schwerpunkt ihrer Arbeit geworden. Körper und Schmuck gehen bei ihren Kreationen eine symbiotische Beziehung ein. Die federleichten scheibenförmigen Elemente aus Chiffon des Halsschmucks „OOOIII…“ (2002) von Margaret Bridgwater schwingen und tänzeln, wenn der Körper sich bewegt.

Auf gleiche Weise spielt Mette Saabye auf das Gefühl der Bewegung des Körpers selbst und in dem ihn umgebenden Raum an. Bei dem Halsschmuck „Dråber af dug“ („Tautropfen“, 1996) fungieren die oval geformten Plättchen aus Perlmutt als Linsen, die die eigentliche Form teilweise verdecken und verzerren. Gleichzeitig betonen sie aber auch die Form des Körpers, begleitet von der lebhaften Symphonie der sich bewegenden Chiffon-Teilchen. Je mehr der Körper sich bewegt, desto schöner der Anblick.

Texte: Mette Saabye, Schmuckkünstlerin und Kuartorin, Kopenhagen