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Anatomisches Modell eines Mannes („Écorché“)

Dr. Romana Rebbelmund

Lodovico Cardi, genannt Cigoli (1559-1613), um 1600
Florenz
Bronze, gegossen, patiniert; Reste von Goldlack am Sockel
H 64 cm, B 29 cm, T 11,5 cm (H 76 cm, B 29 cm, T 15 cm inklusive Sockel)
Schenkung Dr. Wilhelm Clemens, München
Inv. Nr. H 798

Die Bronzeplastik zeigt eine stehende, männliche anatomische Figur mit freigelegter Muskulatur. Ihr linker Arm ist mit ausgestreckter Hand erhoben, der rechte weist etwas angewinkelt mit nach innen geneigter, hochgezogener Hand nach unten. Die Beine stehen im Kontrapost, der eine Achsverschiebung der Hüfte bewirkt. Durch diese Position lassen sich die Muskelgruppen an Armen und Beinen, im Bereich des Oberkörpers und der Hüfte in gestrecktem (links) wie kontrahiertem (rechts) Zustand veranschaulichen. Diese Art der Darstellung eines anatomisch präzisen ‚Muskelmannes‘ ohne Haut wird seit dem 18. Jahrhundert in Kunstwissenschaft und Medizin mit dem französischen Begriff „Écorché“ bezeichnet.

Die frühesten belegbaren Darstellungen des künstlerischen Écorchés stammen aus der Renaissance. So empfahl der italienische Humanist, Mathematiker, Kunst- und Architekturtheoretiker Leon Battista Alberti (1404-1472) bei der Darstellung eines unbekleideten menschlichen Körpers, zunächst mit den Knochen zu beginnen, dann die inneren Organe und die Muskeln anzulegen und mit der Haut abzuschließen. Von Leonardo da Vinci (1452-1519) sind zahlreiche Écorché-Zeichnungen erhalten, so beispielsweise auch von einer Schulterstudie mit herab gestrecktem Arm (1509-1510) in vier Positionen.

Lodovico Cigoli gehört zu den bedeutenden Künstlerpersönlichkeiten um 1600, der insbesondere die Florentiner Malerei vom Manierismus in die Stilepoche des Barock überführte. Sein Œuvre umfasst über 30 gesicherte und datierte Werke, bekannt sind etwa 45 Gemälde. Daneben haben sich zahlreiche Zeichnungen und Schriften in Florenz erhalten, darunter alleine 15 Pläne für die Fassadengestaltung der Peterskirche in Rom, die beispielhaft sein Schaffen als Architekt belegen. Cigolis bildhauerisches Werk ist daneben vergleichsweise überschaubar. Als Hauptwerk gilt der ‚Muskelmann‘, der sich als Wachsmodell und Bronzeabguss heute im Palazzo del Bargello in Florenz befindet. Aber gerade dieser hatte eine große Wirkung, wie die Ausfertigung zahlreicher Abgüsse – zu denen auch das Exemplar im MAKK gehört – belegt.

Die umfangreiche Lebensgeschichte Lodovico Cigolis wurde hauptsächlich von zwei Biografen festgehalten. Wichtigste Quelle mit vielen Details ist die Einleitung zu seinem unveröffentlichten Traktat über die Perspektive, die sein Neffe, Giovan Battista Cardi (Lebensdaten unbekannt), verfasste und mit der wissenschaftlichen Schrift zur Publikation vorbereitet hatte.

Der Künstler, der im Örtchen Cigoli in der Provinz Pisa geboren wurde, ging bereits im Alter von neun Jahren nach Florenz und wurde 1572 Schüler des manieristischen Malers Alessandro Allori (1535-1607). Nach einer krankheitsbedingten Unterbrechung setzte er seine Ausbildung bei Bernardo Buontalenti (1531-1608), der auch Theatermaschinist gewesen war, und Santi di Tito (1536-1603) fort. Zusätzlich besuchte er den Unterricht des Mathematikers Ostilio Ricci, der am Hof Francesco I. de‘ Medici (1541-1587) tätig war. Dort lernte er den späteren Universalgelehrten Galileo Galilei (1564-1642) kennen, mit dem er eine lebenslange, innige Freundschaft pflegte. 1604 folgte Cigoli dem Ruf nach Rom, um insbesondere an der Vollendung des Petersdoms mitzuarbeiten. Dort verblieb er bis zu seinem Tod 1613, konnte aber 1612 noch sein wichtigstes Werk vollenden, die Freskenausstattung der Kirche Santa Maria Maggiore.

In der Kuppel der dortigen Cappella Paolina stellte Cigoli eine „Himmelfahrt Mariens“ inmitten der Apostel dar. Die von einer Gloriole und zahlreichen Engeln umgebene Muttergottes steht mit ihrem linken Fuß auf einer Mondkugel, deren Oberfläche stark zerklüftet ist. Zudem ist die untere Seite des Mondes verschattet. Galileo Galilei hatte 1610 bei seinen Fernrohrbeobachtungen die unebene, ‚befleckte‘ Oberfläche des Mondes festgestellt und sich mit Cigoli ausgetauscht. Dieser hatte die Entdeckungen seines Freundes mit dem Teleskop nachvollzogen und dokumentiert – wie auch die zwei Jahre später konstatierten Sonnenflecken.

Für Lodovico Cigoli war die Suche nach der Wahrheit, nach dem wahren Wesen der Dinge von Kindesbeinen an ein wichtiges Anliegen. Nachdem bereits im 15. Jahrhundert Alberti forderte, die Künstler sollen den Körperaufbau des Menschen studieren – insbesondere das ‚Darunter‘ – so wurde dies im 16. Jahrhundert geradezu gefordert. Die Künstlerausbildung umfasste daher auch die anatomische Sektion. Seit 1578 war Cigoli Mitglied der Accademia del Disegno, deren Statuten die Auszubildenden zur jährlichen Teilnahme an einer Sektion verpflichteten. Allori, erster Lehrmeister des Künstlers, besaß sogar einen eigenen Anatomiesaal, in dem der ruhelose Cigoli unablässig der Tätigkeit des Sezierens nachging – vermutlich auch der Grund für seine frühe Erkrankung. 1599 besuchte der bedeutende Mediziner Théodore Mayerne (1573-1655) Florenz, um Vorlesungen und Sektionen abzuhalten. Cigoli freundete sich nicht nur mit ihm an, sondern wandte sich, durch ihn angeregt, mit erneuter Begeisterung der Anatomie zu. In diese Schaffensphase um 1600 fällt auch der Écorché. Die Bronzeplastik zeigt keinen hinfälligen, alten Mann, sondern einen eher zierlich gebauten jungen Erwachsenen, dessen Gesicht sich trotz der fehlenden Haut bei leicht geneigtem Kopf mit Blick und halb geöffnetem Mund an den Betrachter wendet. Der Mensch sollte nicht bloßgestellt werden, sondern die Perfektion der menschlichen Schöpfung zur Anschauung kommen. In diesem Sinne beschrieb auch Galilei die Großartigkeit des menschlichen Körpers, der „aus so vielen Muskeln, Sehnen, Nerven, Knochen“ gefügt sei. Cigoli, dem man die gleiche Virtuosität mit dem Pinsel wie mit dem Skalpell nachsagte, stellte den Écorché dementsprechend präzise dar: von der Richtung der Muskelfasern bis hin zur Darstellung der Lymphknoten in der Leiste – dies übrigens erstmals in der Kunstgeschichte.